

Die vier WölfeDie vier Wölfe waren Brüder, von denen jeder einen Spitznamen hatte. Den einen hieß man den "Berger", weil er am liebsten in den Bergen sein Unwesen trieb und höchst selten ins Tal herabkam; den anderen den "grindraudigen Toma", weil er mit einem bösartigen Aussatze behaftet war; den dritten ob seiner schmucken und stattlichen Gestalt den "Schönmayer", den vierten endlich, der sich durch besondere Beleibtheit auszeichnete, den "Stocknudel". Alle vier waren überaus verwegene Wilderer, die den größten Teil ihres Lebens im Wildbanne zubrachten. Um sich vor Verfolgung zu sichern, streuten sie im Volke aus, daß sie Zauberer seien und über den Teufel selbst Macht hätten. Da sie es endlich gar zu arg trieben, wurde einmal von Moosham aus eine allgemeine Jagd nach ihnen gemacht. Da man wußte, daß die vier Brüder eine Salbe besäßen, die sie, wenn sie sich damit bestrichen, in Wölfe verwandelt, und davon auch häufig Gebrauch machten, so wartete man einen Zeitpunkt ab, in dem dies der Fall war. Als man davon Anzeige erhielt, setzte sich der Jagdzug in Bewegung. Der Vizedom von Moosham stellte sich selbst an die Spitze der großen Jagdgesellschaft. Der Berg wurde mit Treibern umstellt, welche sich gegen die Höhe zu wandten. Hierbei wurden die in Wölfe verwandelten Brüder so in die Enge getrieben, daß sie sich, als sie keinen Ausweg mehr sahen, in Baumstrünke verwandelten, welches Zauberstück sie mit Hilfe des Bösen vollführten. Dabei geschah es, daß der gestrenge Herr von Moosham, von der Jagd ermüdet, sich auf einen dieser Baumklötze setzte, und zwar auf jenen, in welchem der "Berger" steckte, und Tabak schnitt. Der "Berger" wollte vor Angst fast vergehen; denn "wenn der Gnädige" - so gab er in seinem peinlichen Verhör später an - "den Tabak mit einem Messer geschnitten hätte, auf dessen Klinge das Kreuzeszeichen eingegraben war, so konnte die teuflische Verblendung nicht bestehen." Aber es ging für diesmal gut ab; die Wölfe kamen glücklich davon und krochen später wieder in ihre Leiber. - Doch konnten sie ihr Unwesen nicht mehr lange treiben, denn bald darauf wurden alle vier an der Sandbrücke gefangen und als Zauberer auf dem Passeggen hingerichtet.
Lungauer Volkssagen. Gesammelt und herausgegeben von Michael Dengg. Fünfte vermehrte und verbesserte Auflage. Mauterndorf o.J. [1973 (?)], S. 217 (aktuelle Auflage hier erhältlich)
Wenn in Der Pakt mit dem Teufel im Sagenzimmer von Schloß Moosham die für das Hörspiel erfundene "ins Holz geschnittene" Inschrift entdeckt und in einem Satz zusammengefaßt wird ("Es geht um die Sage von den vier Wölfen, die eigentlich berüchtigte Wilderer waren, und die von sich behauptet haben, daß sie über den Teufel selbst Macht hätten."), zitiert Kurt am Ende wortwörtlich aus jener Sage, wie sie von Michael Dengg in dessen Sammlung Lungauer Volkssagen festgehalten worden ist. Vieles spricht dafür, daß neben H. G. Francis' Schreibmaschine tatsächlich Denggs Lungauer Volkssagen lagen, auch weil dieses Buch in den 1970er bzw. 1980er Jahren das populärste und gängigste Werk dieser Art war. Allerdings hat Dengg wiederum vieles kompiliert und auch kopiert, so daß für Francis' Hörspiel theoretisch ebenso eine andere Quelle denkbar wäre. Neben Denggs Lungauer Volkssagen ist eine weitere, ältere Version mit exakt jener Formulierung bekannt; Dengg scheint sich dort ausgiebig bedient zu haben:
So hießen vier Brüder, von denen die Sage erzählt, daß sie einst in Moosheim (Lungau) viel Unheil angerichtet haben sollen. Jeder derselben hatte seinen Spitznamen. Den Einen hieß man den "Börger", weil er am liebsten in den Bergen sein Unwesen trieb und höchst selten herab in's Thal kam; den Anderen den "grindraudigen Thoma", weil er mit einem bösartigen Aussatze behaftet war; den Dritten ob seiner schmucken und stattlichen Gestalt den "Schönmayr", den Vierten endlich, der sich durch besondere Beleibtheit auszeichnete, die "Stocknudel". Alle Vier waren überaus verwegene Wildschützen und brachten den größten Theil ihres Lebens im Wildbanne zu. Um sich vor Verfolgung zu sichern, streuten sie im Volke aus, daß sie Zauberer seien und über den Teufel selbst Macht hätten. Da sie es endlich gar zu arg trieben, wurde einmal von Moosheim aus eine allgemeine Jagd nach ihnen gemacht. Der Vicedom von Moosheim stellte sich an die Spitze der großen Jagdgesellschaft. Da man wußte, daß die vier Brüder eine Salbe besäßen, die sie, wenn sie sich damit bestrichen, in Wölfe verwandelte, und davon auch häufig Gebrauch machten, so wartete man einen Zeitpunkt ab, wo dies der Fall war. Als man davon Anzeige erhielt, setzte sich der Jagdzug in Bewegung. Der Berg wurde mit Treibern umstellt und in immer engere Kreise gegen die Höhe getrieben, woselbst der gestrenge Herr Vicedom mit den anderen Schützen, den Hahn der Büchse gespannt, der vier Brüder harrten. Enger und enger zog sich die Kette der Treiber zusammen, näher und näher kamen die vier Wölfe dem Schußbereiche der Jäger, so daß sie sich schon verloren glaubten, da, im Momente äußerster Noth, schlossen sie rasch einen Pact mit dem Teufel, der sie flugs in vier Baumstrunke verwandelte. Kein Mensch ahnte in den vier Baumklötzen die gesuchten Brüder. Der Herr Vicedom, der die Treibjagd noch nicht so nahe wähnte, machte sich's oben - es war just Mittag - bequem, legte die Kugelbüchse beiseite, nahm eine Rolle Tabak und schnitt ihn auf jenem Baumstrunk, in welchem der "Börger" steckte. Der wollte vor Angst fast vergehen; denn, "wenn der Gnädige" - so gab er in seinem peinlichen Verhöre später an - "den Tabak mit einem Messer geschnitten hätte, auf dessen Klinge das Kreuzeszeichen eingegraben war, so konnte die teuflische Verblendung nicht bestehen". Aber es ging für diesmal gut ab, die Wölfe kamen glücklich davon und krochen später wieder in ihre Leiber.
Bald darauf wurden aber alle Vier an der Sandbrücke gefangen und als Zauberer ungefähr um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem Passeggen hingerichtet.
Salzburger Volkssagen. Herausgegeben und bearbeitet von R.[udolf] von Freisauff [von Neudeck]. Mit 900 Illustrationen, Initialen und Vignetten in volksthümlicher Art gezeichnet von I. Eibl, Wien / Pest / Leipzig 1880, S. 255f.
In dieser Sagenfassung (die von Michael Dengg offensichtlich in weiten Teilen abgeschrieben und nur geringfügig paraphrasiert worden ist) taucht bemerkenswerterweise die Redewendung "Pakt mit dem Teufel" auf!
Der Schörgentoni, die vier Wölfe und der Zauberer Jakl (Auszug)
Nun noch etwas von den vier Wölfen.
Ich habe schon anderwärts der Wölfe Erwähnung gethan, und ergänze hier nur die Sage.
Die Wölfe waren vier Brüder, jeder hatte seinen Zu- oder Spitznamen, den einen hießen die Leute den "Börger", weil er nur in den Bergen sein Unwesen trieb, und selten zu Thale kam; den anderen wegen seines Aussatzes den "grindraudigen Thoma", den dritten wegen seiner schmucken Gestalt den "Schönmayr", den vierten endlich ob seiner Korpulenz die "Stocknudel."
Sie waren kühne Wildschützen und brachten ihr Leben größtentheils im Wildbann zu. Um sich vor Verfolgung zu sichern, streuten sie die Meinung aus, als seien sie Zauberer. Es wurde einmal von Moosham aus eine allgemeine Jagd auf sie gemacht; bei dieser Gelegenheit war es, als der eine, Börger, da er nicht mehr entrinnen konnte, sich in einen Stock verwandelte, worauf der Pfleger sich seinen Rauchtabak schnitt, und wobei dem armen Stocke bange war, daß der Gestrenge von Moosham ja das Messer nicht in den Stamm stosse, da der Name des Heilandes auf der Klinge eingearbeitet war.
Dennoch wurden sie alle vier an der Sandbrücke gefangen, und wurden als Zauberer in den Fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf dem Passeggen hingerichtet; ihre Köpfe auf den Pfahl gespießt, die Rumpfe auf das Rad geflochten und später im Friedhöfchen am Richtplatze eingescharrt.
[...]
Bezüglich der Wölfe kömmt vor:
(Jägerm. 57.) Jahr 1756. "Auf die in der Linnitz oder Weißpriach sich aufhaltend groß und kleineren Wolfen möchte von hieraus (Moosham) eine Straiff vorgenohmen werden."
Lungau. Historisch, ethnographisch und statistisch aus bisher unbenützten urkundlichen Quellen dargestellt von Ignaz von Kürsinger [...]. Mit artistischen Beigaben. Salzburg 1853, S. 486f.
In Moosham im südlichen Lungau erzählt man von vier Wölfen. Diese Wölfe waren Brüder; jeder hatte seinen Zu- oder Spitznamen. Den einen hieß man den "Börger," weil er nur in den Bergen sein Unwesen trieb und selten zu Thale kam; den andern, wegen seines Aussatzes den "grindraudigen Thoma;" den dritten, wegen seiner schmucken Gestalt den "Schönmayr;" den vierten endlich ob seiner Wohlbeleibtheit die "Stocknudel." Sie waren kühne Wildschützen und brachten ihr Leben größtentheils im Wildbann zu. Sie gaben vor, Zauberer zu sein. Es wurde einmal von Moosham aus eine allgemeine Jagd auf sie gemacht; dabei verwandelte sich der Börger, als er nicht mehr entrinnen konnte, in einen Stock (Baumklotz), auf welchem dann der Pfleger von Moosham sich seinen Rauchtaback schnitt. Dabei war dem Stock bange, der Pfleger möge das Messer in den Stamm stoßen. Das Zeichen des Kreuzes war nämlich auf der Klinge jenes Messers. Die Wölfe wurden endlich an der Sandbrücke gefangen und als Zauberer in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf dem Passeggen hingerichtet.
Theodor Vernaleken: Alpensagen. Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858, S. 124f. (online: Bayerische Staatsbibliothek, München)
Da die Klagen über das Unwesen der vier in Wölfe verwandelten Brüder nicht aufhörten, sondern immer wieder beim Pfleggericht zu Moosham einliefen, wurde öfters Jagd nach ihnen gemacht. Doch schien dies alles vergeblich zu sein, denn jedesmal, wenn sie in die Enge getrieben wurden, verwandelten sie sich mit Hilfe des Bösen in Baumstrünke und andere Gegenstände und waren so dem Blicke des Jägers entzogen. Bei einer solchen Jagd geschah es, daß ein Jäger beim Durchstreifen des Forstes sein mit drei Kreuzen versehenes Messer in einen Baumstrunk steckte. Als er dies tat, sah er zu seinem nicht geringen Erstaunen, aus dem Baumstrunk hellrotes Blut hervorsickern. In dem Baumstrunke steckte nämlich einer der vier Brüder, und zwar "der Stocknudel", welcher die teuflische Verblendung nun nicht mehr länger bestehen konnte und daher gefangen und nach Moosham eingeliefert wurde. Dort wurde er in den für die Hexen und Zauberleute bestimmten Turm, den Hexenturm, gesperrt, wo er in einen der geweihten kupfernen Kessel getan und in demselben aufgehangen wurde. Dies geschah, damit sie den Erdboden nicht berühren und so mit dem Teufel keine Verbindung eingehen konnten, der sie sonst befreit hätte. Doch dem "Stocknudel", der sich lieber draußen in den dunklen Wäldern umhertrieb und zudem ein mächtiger Zauberer war, schien dieser unfreiwillige Sitz nicht behagt zu haben; denn eines Tages war er aus dem Hexenturm verschwunden. Man sagt, er habe sich (natürlich wieder mit Hilfe des Bösen) in eine Maus verwandelt und sei unter dem Gemäuer des Turmes hindurchgekrochen. - Später wurde er samt seinen drei Brüdern an der Sandbrücke (bei Lintsching) eingefangen und nach Moosham gebracht, um als Zauberer am Paßeggen hingerichtet zu werden. Seither wird von den Holzhackern jedesmal beim Fällen eines Baumes auf der Oberfläche des Baumstrunks mit der Axt ein Kreuz eingehauen, ein heute noch üblicher Brauch, damit, wie man sagt, der Teufel darauf nicht rasten und keinen Zauberspuk vollführen könne.
Lungauer Volkssagen. Gesammelt und herausgegeben von Michael Dengg. Fünfte vermehrte und verbesserte Auflage. Mauterndorf o.J. [1973 (?)], S. 216f. (aktuelle Auflage hier erhältlich)
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© Die Gruselseiten (27. Mai 2001)