

Eine Wanderung durch den Lungau / IV. Die Straße von Tamsweg nach St. Michael
Suchen wir jetzt die Straße zu gewinnen, die in durchaus ebener Thalsohle von Tamsweg nach St. Michael führt, und steuern wir über Pischelsdorf quer durch das Thal nach dem Pfarrdorfe Unternberg zu; (die noch weiter gegen Tamsweg zu liegenden Dörfer Mörtelsdorf und Meggendorf bieten unserer Neugierde nichts.)
Unternberg liegt am Fuße des langgestreckten Mitterberges, der das Murthal vom Taurachthal scheidet. Die Kirche zeigt ein gutes Altarblatt, den heil. Vincenz von Ferrer, und hier ist auch die Nekropole der Pfleger von Moosham, deren Schädel in der Todtenkapelle aufgeschichtet sind.
Wir sind mit unserem Besuche bald fertig und nun wandern wir frischen Muthes über Voidersdorf auf das Schloß Moosham zu, das schon von Pichlern aus unsere Aufmerksamkeit so mächtig auf sich gezogen hat und das wir in einer halben Stunde erreicht haben. Hier stehen wir auf einem der wichtigsten Punkte des Lungau, der unsere Betrachtung ganz besonders verdient, da von hier durch mehr als 350 Jahre der ganze Gau verwaltet wurde, und hier der Sitz des hochnothpeinlichen Halsgerichtes war.
Schloß Moosham liegt auf einem Vorsprung des Mitterbergs in sehr trister Umgebung; hinter sich finsterer Wald, vor sich garstiger, brauner Moor- und Torfgrund. Keine Lerche schlägt ihre Triller, dafür das harmonische Gequake der Frösche und Unken. Hier hauste einst das mächtige Geschlecht der Herren von Moosham, deren Geschichte, wie meist bei allen Schlössern im Salzburgischen, verschollen ist, wir wissen nur, daß das Schloß 1281 von Otho von Saurau erobert wurde, und daß einer des Geschlechts, Rupert, Domdechant in Passau wurde und Pirkheimer's Freund war. Sonst melden nur noch einzelne Sagen von Bruderhaß und Mord und Todtschlag und Blutschande, wie das eben in eine schöne Rittergeschichte gehört.
Seine eigentliche Bedeutung, die noch jetzt im Angedenken der Menschen nicht erloschen ist, erlangte Moosham erst, als unter dem Erzbischofe Matthäus Lang 1521 das Gericht über ganz Lungau von Mauterndorf hierher übertragen wurde und seither die Vizedome oder Pfleger hier ihres Amtes walteten. Sie waren eigentlich fast unabhängig, denn wer hätte gegen einen solchen Gewaltigen eine Berufung gewagt; auch waren die Rechtsverhältnisse dieses Thals ohnedem noch in einer primitiven Einfachheit.
Wie behaglich sich diese gestrengen Herren hier fühlten, und wie ungern sie ihre Stellung mit einer anderen vertauschten, zeigt uns das Beispiel des Pflegers Hans von Khünburg. Als im Jahre 1552 sein Bruder Michael zum Erzbischof von Salzburg gewählt wurde, schrieb ihm dieser ungefähr in folgenden Ausdrücken: "Mein lieber Bruder! Du wirst wol gehört haben, daß ich durch Gottes Rathschluß Erzbischof von Salzburg geworden bin. Da ich nun einen Sekretarium brauche, so kannst Du zu mir kommen und als solcher bei mir verbleiben." Hierauf erwiderte ihm der ehrliche Hans wörtlich folgendes: "Mein lieber Herr Bruder! Ich habe wol gehört, daß Du durch Gottes Rathschluß Erzbischof von Salzburg geworden bist. Sieh also zu, daß Du Land und Leute wohl regierest, damit Du dereinst vor Gottes strengem Richterstuhl bestehen kannst, ich aber bleibe Pfleger zu Moosham, wie zuvor, und Du kannst Dir um einen andern Sekretarium umschauen."
Einen minder günstigen Eindruck dagegen macht ein späterer Pfleger, Alexander von Grimming. Ohnedies in die Intriguen des Domkapitels verwickelt, hat er in der Nacht des 27. Oktober 1611 den flüchtigen Erzbischof Wolf Dietrich von Reichenau hier im Schlosse bewirthet, um ihn am nächsten Tage unter Mithülfe des Postmeisters von St. Michael, Reichard Rottmair, durch absichtlich verzögerte Weiterbeförderung in die Hände der verfolgenden, bayerischen Dragoner zu liefern. Den Rottmair ereilte die Strafe erst 32 Jahre später, indem er 1643 von einem Soldaten erstochen wurde; ein Beitrag zur sera numinis vindicta. Jede Schuld rächt sich auf Erden.
Das höchste Ansehen aber erwarb sich das Mooshamer Gericht durch seine unerbittliche Kriminaljustiz, - die Karolina wurde mit drakonischer Strenge gehandhabt. Vom Jahre 1534 bis 1762, also durch 228 Jahre, wurden nicht weniger als 66 Blutsentenzen vollzogen, macht in je vier Jahren eine! Und was mochten die Unglücklichen ausgestanden haben, bis die Erlösungsstunde auf dem furchtbaren Passeggen für sie schlug! Hätten die Staudingertochter oder der Zaubererjockel ihre "i miei prigioni" geschrieben, welche grauenvolle Kerkermysterien würden da aufgehüllt werden! - Leider fehlen die Nachweisungen für die letzten 30 Jahre, in welche gerade der für die Kulturgeschichte so wichtige Akt gegen die Staudingertochter und deren Komplicen fällt. Wir finden den gewöhnlichen Spuk wieder: den Zaubererjockel mit fünf Genossen (Brüdern), auf die der gnädige Herr eine Wolfsjagd unternimmt, weil sie sich in Wehrwölfe und, wenn sie in die Enge getrieben werden, in Baumstrünke verwandeln können.
Zufällig schneidet der gnädige Herr auf einem solchen seinen Rolltabak, die Staudingertochter steht eben in der Küche, wo ihre Mutter ein Eierkoch bereitet, - als der Gerichtsdiener, der gefürchtete Schörgentoni, um sie kommt. Sie könnte freilich auf ihrem Besen nach Salzburg reiten und wieder zurück sein, bevor das Koch fertig ist, aber - sie hatte ihre Salbe nicht zur Hand, und so muß sie in den geweihten kupfernen Hexenkessel. Der Zaubererjockel hat sich auf Zureden eines Kapuziners selbst gestellt und wurde ebenfalls nebst den übrigen Genossen hingerichtet.
Ich habe einmal einen Sonettenkranz über den Lungau losgelassen, der zum Theil übel vermerkt wurde. Eine von diesen geharnischten Spielereien lautet:
"Kennst Du das Land? Hier ward zum Tod voll Grauen
Ein Mädchen, jung, doch wirr und sonderbar,
Geschleppt von roher Henker grimmer Schaar,
Wo heut' Passeggens Richtplatz noch zu schauen.
O flieht von dieser Stätte, edle Frauen!
Und nicht allein, daß dies nur möglich war, -
Denn wo, wo brachte man nicht Opfer dar
Dem Fanatismus rings in deutschen Gauen!?
Doch erst die Zeit, die Zeit, wo dies geschehen!
Es war ja schon die Zeit voll Morgenwehn, -
Die Zeit, wo Nathan nach den Ringen frug,
Wo Goethe schon mit seinem Faust sich trug,
Wo Klopstock den Messias schon gedichtet, -
Hat man hier fromm den Holzstoß noch errichtet." -
Auch der Gerichtsdiener von anno dazumal, der dort so gefürchtete Schörgentoni, lebt noch in der Volkssage fort. Zum Lohn für die unermüdliche Handhabung seines Dienstes hat ihn zuletzt der Teufel geholt, er hat dann zuerst auf dem Speiereck herumrumort, dann aber wurde er in den Rothgildensee gebannt, wo er noch heut zu Tage dann und wann als ein feuriger Klumpen hin- und herfährt, zum Glück aber nie vor Touristen seine Künste macht, - vermuthlich Strafe ihres Unglaubens.
Das Schloß gehört jezt der Mauterndorfer Eisenwerksgesellschaft, die einen ihrer Förster dort einlogirt hat. Es ist also ziemlich öde und verlassen und geht, da nicht viel darauf verwendet wird, seinem Verfalle entgegen. Im Zwinger weiden nicht, wie sonst, gefangene Hirsche mehr, die Fürstenzimmer, die Tafelstube harren umsonst mehr hoher Besuche, im Kindszimmer waltet keine gestrenge Vice-domina mehr, am Schloßbrunnen plaudern keine neugieriegen Mägde mehr, sogar die Orte des Grauens, die Folterkammer und der Faulthurm harren vergebens ihrer Opfer. Es währt eben Alles nur eine Zeit. Das einzige Lokal, wo noch ein matter Abglanz früheren Lebens herrscht, ist die Schenke, die dem Jäger zur zweckentsprechenden Benutzung überlassen ist. Wie anders aber dort, als noch jedem, der in der Kanzlei zu thun hatte, zu der unausweichlichen Taxe gleich jener Betrag hinzu gerechnet wurde, den er, je nach Stand und Vermögen, in der Schenke verzehren und gleich im Voraus erlegen mußte. Man sieht, die Herren verstanden sich auf das Geschäft.
Wir aber scheiden jetzt von dem merkwürdigen Schlosse und erreichen nach Umgehung des Staigberges in einer kleinen halben Stunde die über die Staig von Mauterndorf gegen Kärnten herabführende Reichsstraße, auf der wir dann unsern Weg nach St. Michael fortsetzen.
Aber - quis credat nihi sit pro teste vetustas, - wer sollte es glauben, daß hier, wo die Natur den allein denkbaren Weg von St. Michael nach Tamsweg in der breiten Thalsohle auf die unverkennbarste Weise angezeigt hat, doch die Verbindungsstraße von hier bis Kaisersdorf erst seit ungefähr 30 Jahren besteht und früher jedermann den beschwerlichen Weg auf die Staig hinauf und dort über Moosham, natürlich mit einer Einkehr daselbst für die erschöpften Thiere, wieder hinab nehmen mußte. [...]
Moritz Schleifer: Eine Wanderung durch den Lungau. In: Der Alpenfreund. Blätter für Verbreitung von Alpenkunde unter Jung und Alt in populären und unterhaltenden Schilderungen aus dem Gesammtgebiet der Alpenwelt und mit praktischen Winken zur genußvollen Bereisung derselben. In Verbindung mit hervorragenden Alpenkennern herausgegeben von Dr. Ed.[uard] Amthor. Siebenter Band. Gera 1874 [Eduard Amthor], S. 283-300 u. 321-340, hier: S. 327-330
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