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 Fledermäuse 
"Wir werden Wochen brauchen, bis wir alles katalogisiert haben."
(Dr. Erich Jansing in "Die Begegnung mit der Mörder-Mumie")

 

Cover Cover
Der Angriff der Horrorameisen (5)

Klappentext:
Seltsame Geräusche in der Nacht, zwei Tote vor einem zertrümmerten Haus. Mord oder Unfall ..., eine unheimliche Macht ..., Spätfolgen einer Atombombenexplosion ... - was ist die Ursache für ihren Tod? Harry Marlow und seine Schwester Joanne werden Zeugen eines grausigen Geschehens in der Wüste von Nevada!
   
  Besetzung (in der Reihenfolge ihres Auftretens):

ErzählerGünther Ungeheuer 
Harry MarlowGünther Flesch[Günther Flesh]
Joanne MarlowUrsula Sieg 
WirtJoachim Wolff 
SheriffWolfgang Völz 
Dr. Doris BarnCordula Hubrich 

   
  Produktionsnotizen (der Erstausgabe):
Hörspiel von H. G. Francis
Regie: Heikedine Körting
Musik und Effekte: Bert Brac
Eine Studio EUROPA-Produktion
Künstlerische Gesamtleitung: Dr. Beurmann
   
Zur Editionsgeschichte:
• Diese Folge ist bislang auf fünf verschiedenen Tonträgern sowie digital im Streaming bzw. als Download veröffentlicht worden; das Hörspiel liegt in vier unterschiedlichen Fassungen vor.

• Den Gruselseiten sind seit 1998 zwei Muster-LPs bzw. Probepressungen gemeldet worden, deren Labels das handschriftlich notierte Datum des 26.03.1981 tragen.

??.04.1981LP115 678.0Fassung 1Ab 12 Jahre
??.04.1981MC515 678.5Fassung 1Ab 12 Jahre
??.??.1987MC516 434.6Fassung 2Ab 12 Jahre
01.07.1999CD74321 67961 2Fassung 3.1Ab 14 Jahre
01.07.1999MC74321 67961 4Fassung 3.2Ab 14 Jahre
07.04.2017digital Fassung 3.1 (?)Ab 14 Jahre

   
Zu den Fassungen:
• Bereits in der Fassung 2 wurde Carsten Bohns Musik nahezu gänzlich entfernt und überwiegend durch neue Stücke ersetzt; 1999 fügte man wiederum neuere Musik hinzu.

• Die Fassungen 3.1 und 3.2 weichen selbst in der Hörspielmitte (Seitenwechsel der MC) eigentlich nicht voneinander ab. Auf der MC in Fassung 3.2 wird die erste Hälfte - wie bereits in Fassung 2 - durch das 1987er Gruselserie-Titelthema Surprise Attack der Studio EUROPA-Symphonic Big Band abgeschlossen, das sich relativ schnell ausblendet; nach dem Seitenwechsel leitet das erst 1999 hinzugefügte Stück Shooting Star von Jan-Friedrich Conrad die Rückkehr nach Dustville ein. Diese beiden Musikstücke wurden in Fassung 3.1 auf der CD direkt hintereinandergesetzt, ohne daß der Seitenwechsel übertüncht worden wäre: de facto sind Fassung 3.1 und 3.2 also identisch.

• Ob nach 1999 an dem Hörspiel erneut etwas verändert worden ist, ob es also z.B. im Streaming als Fassung 4 gilt, ist noch nicht systematisch überprüft worden; bislang wurden keine Bearbeitungen entdeckt.

   
Zur ersten Neuausgabe:
Der Angriff der Horrorameisen gehört zu den zehn 1981/1982 neu veröffentlichten Hörspielen der Gruselserie, die in der ersten 1987er Neuausgabe in einer überarbeiteten Fassung und mit verkürztem Titel erschienen sind. Gigant-Ameisen war Folge 5.
   
Zur zweiten Neuausgabe (Die Rückkehr der Klassiker):
Der Angriff der Horrorameisen war eine kleine, ziemlich unwichtige Folge mitten in der Reihe der 1999/2000er Neuausgabe. Hierbei war nichts passiert, was wert gewesen wäre, in dieser Nachrichten-Kategorie der Folgenübersicht festgehalten zu werden ...
   
Zum Cover:
• Die Illustration zu Der Angriff der Horrorameisen zeigt die in der Mitte der Hörspielhandlung erfolgte Attacke der beißwütigen Insekten, während Harry Marlow und Dr. Doris Barn versuchen, ihr Auto - noch dazu ohne Wagendach - durch die Bestien hindurch zu steuern.

• Die ursprünglich ausgearbeitete Illustration besaß annähernd quadratische Maße. Die Konturen der Wolken am Himmel und der Staubwolke auf der Straße wurden für die LP wenig kreativ nach links bzw. rechts in die Länge gezogen; die Beine der linken Ameise schweben in der Luft, weil sich niemand die Mühe machte, sie weiterzuzeichnen und auch am rechten Rand mogelte man sich bei der rechten Ameise durch, indem ihr Körper unterhalb des Kopfes nur noch als schwarze Fläche erscheint. Das quadratische Format der MC-Variante zeigt an den Rändern somit nur etwas weniger als die Illustration der LP, vor allem der Kopf der rechten Ameise ist lediglich zur Hälfte zu sehen.

• Die Illustration der LP weist gegenüber der MC nur geringfügige Unterschiede in der Kolorierung auf. Unter dem Kiefer der rechten Ameise wurde ein durchscheinendes Stück Himmel weiß gelassen und nicht, wie auf der MC, grün eingefärbt. Dafür hat die rechte Ameise auf der LP wie ihre beiden Artgenossen gelbe Augen, auf der MC sind sie weiß. Während normalerweise etliche Details der Illustration auf der MC dem kleineren Format zum Opfer fallen, ist hier die Staubwolke hinter dem Wagen detailreicher gezeichnet als auf der Schallplatte.

• Auf dem Cover der ersten 1987er Neuausgabe wurde die Illustration auf die drei Ameisen (mit einigen verlängerten Beinen) reduziert, was den großspurigen neuen Titel Gigant-Ameisen maximal konterkariert: da sich zwischen den Ameisen kein Auto mehr befindet, wirken die drei Tiere alles andere als gigantisch - daran kann auch der wüstensandorange eingefärbte Wolkenhimmel über der futuristischen Gitternetz-Landschaft nichts ändern.

• Die 1999 veröffentlichten Tonträger basieren allesamt auf der Illustration der LP von 1981.

• Für die digitale Version im Streaming bzw. als Download wurde das CD-Cover von 1999 gewählt.

   
Gemälde Vorlagen:
• Die Illustration zu Der Angriff der Horrorameisen besteht aus zwei Elementen, deren Vorlagen vermutlich voneinander getrennt existieren: zum einen drei Ameisen auf Facettenaugenhöhe, höchstwahrscheinlich einer oder mehreren noch nicht entdeckten Abbildungen entlehnt. Dr. Doris Barns Wagen ist ein Chevrolet Camaro (Sport Coupé), das 1970 in den USA auf den Markt kam und in einer Anzeige beworben wurde, die mit künstlerisch verfremdeten, poppig anmutenden Zeichnungen den Camaro aus exakt demselben Winkel zeigte - mit in die Breite verzerrter Wagenfront. Da beide Autos nicht vollkommen übereinstimmen, ist davon auszugehen, daß in einem anderen Medium (irgendein Comic?) das Auto jener Anzeige variierend abgemalt und mit Blechschaden sowie verzweifelten Insassen garniert worden ist. - Das Größenverhältnis von Ameisen und Menschen stimmt übrigens nicht mit den Beschreibungen im Hörspiel überein: demnach sind die Tiere auf dem Cover viel zu groß dargestellt.


Bilderzimmer / Ken Dallison: Chevrolet Camaro (General Motors, 1970)
Bilderzimmer / H.G. Wells' Empire Of The Ants (USA, 1977)

   
Zur Sprecherliste:
• Günther Fleschs Nachname wird in der gedruckten Sprecherliste falsh geschrieben - ob aus Versehen oder aus Absicht (als kaum wirksames pseudoenglisches Pseudonym oder hatte da jemand zu oft Flash Gordon im Kino gesehen?), ist unklar. Dieser S(c)hreibfehler zieht sich durch alle Ausgaben und durch die Sprecherlisten etlicher EUROPA-Hörspiele, die zwischen 1980 und 1983 erschienen sind, wobei sein Name zeitweilig aber auch vollständig genannt wird.
   
Schauplatz Schauplatz:
• Dustville, das dem Ameisennest nächstgelegene Menschennest, wird anfangs als "kleiner, ziemlich unwichtiger Ort mitten in der Wüste des nordamerikanischen Bundesstaates Nevada" und - nomen est omen - als Hort der Langeweile beschrieben; im weiteren Verlauf des Hörspiels nimmt das Kaff jedoch in den Erzählertexten, Dialogen und in der akustischen Umsetzung die Ausmaße einer (kleinen) Stadt an.

• Ob Franciskowsky sich den Namen Dustville selbst ausgedacht hat oder ob und wo er ihn aufschnappte, erscheint rätselhaft. Wer lange genug im Staub der Jahrzehnte wühlt, wird in der Literatur und im Film vermutlich etliche Dustvilles ausgraben, die als potentielle Inspirationsquellen für den Namen der verschlafenen Wüstensiedlung gedient haben könnten. Der parodistisch angelegte Western-Roman Liveliest Town in the West von Bill Gulick (erschien 1969 in den USA, hierzulande aber nie) spielt jedenfalls in einem solchen Dustville in Wyoming: dort schreibt ein von der Ereignislosigkeit genervter Zeitungsredakteur des Dustville Clarion Groschenhefte, in denen er sich einen Westernhelden und Legenden rund um Dustville ausdenkt. Dies zieht schnell Kreise und sorgt dafür, daß Außenstehende auf Dustville aufmerksam werden: die Fiktion wird für bare Münze genommen und beginnt sich zu verselbständigen, als Touristen den Ort in Scharen überfallen. Eröffnen sich allein schon in diesem Bild gewisse Analogien, zumal an einer Stelle des Romans sogar die gängige Metapher "Like ants drawn to a picnic" zu finden ist? Hallt die journalistische Ödnis in Günther Ungeheuers einführendem Erzählertext irgendwie nach?

   
Zur Musik:
Der Angriff der Horrorameisen wird in der originalen Fassung von einem einzigen orchestralen Musikstück (Nacht des Werwolfs) und acht Werken Carsten Bohns von März 1979 (Frankenstein & Dracula) und April 1980 (The Lonely Monk / (It's A) Nice Day (Isn't It?) / Berlin Sequence / Guitarrero Come Down / Flaggio Let Me Be Like I Am / Eva's Decision / Theme For More Or Less Musicians) untermalt, die unterschiedlich häufig - mitunter in anderen Teilen - wiederkehren. Als Musikblende zwischen Szenen erklingt Eva's Decision (Part 1) dreimal und damit am häufigsten, Guitarrero Come Down (Part 1) zweimal, alle anderen als Zwischenmusik eingesetzten Stücke werden jeweils nur einmal angespielt. Carsten Bohns 1979 für Dracula trifft Frankenstein komponiertes Thema Frankenstein & Dracula ist in Der Angriff der Horrorameisen mit den ersten beiden Teilen dabei: zum einen Teil 1 als Titelmelodie, zum anderen Teil 2 (Marsch der Monster auf Horror Pop Sounds) als stark verlangsamte Bass-Abmischung, die bereits in Dracula trifft Frankenstein viele unheimliche Szenen verstärkte. Auch in diesem Hörspiel transportiert Frankenstein & Dracula, Teil 2 etliche Male allmählich anschwellende Bedrohung und krabbelt vor allem vor und während aller Auftritte der sechsbeinigen Viecher gewissermaßen als akustische Ameisensäure in die Gehörgänge. In Das Duell mit dem Vampir wurde dieses Stück auch verwendet (allerdings kaum noch wahrnehmbar), ansonsten nur noch in Dracula, König der Vampire, es kennzeichnet also Hörspiele der frühen Gruselserien-Produktion. Das Orchesterstück Nacht des Werwolfs, das für die Gruselserie komponiert und aufgenommen worden zu sein scheint, wurde in Der Angriff der Horrorameisen - wie auch im parallel produzierten Hörspiel Das Duell mit dem Vampir - sehr oft eingesetzt, allerdings beschränkt sich die hier und in Das Duell mit dem Vampir verwendete Passage stets auf ein nicht einmal halbminütiges Segment, siehe unten. Ansonsten dudelt im Autoradio der Geschwister Marlow das von Marcel Dupré und dem Orchester Jacques Romero aufgenommene Instrumental Sag mir doch, warum, das 1979 und 1980 auf vier EUROPA-Samplern als Lückenfüller verwendet und in den darauffolgenden Jahren mehrmals als Hintergrundmusik von Hörspielen (Romanserie, Bestseller, Edgar Wallace) recycelt wurde. Wer bei den als Saloongeklimper dargebotenen Melodien Barberpole und Home On The Range [Honky Tonk-Fassung] an Karl May denkt, liegt falsch, denn diese Musik erklingt außerhalb von Dustville gar nicht mal so häufig - nur noch im Dschungelland in Die drei ??? und der rasende Löwe und in zwei Western-Hörspielen von 1977 und 1978.

• Der auf Horror Pop Sounds enthaltene Titel Tanz der Ameisen ist Carsten Bohns Areacode 212, das mit Der Angriff der Horrorameisen nichts zu tun hat. Auf der Folge 15 sind die Ameisen lediglich für wenige Sekunden mit ihrem veränderten Geräusch in Schloß des Grauens (Guitarrero Come Down (Part 1)) zu hören.

   
Sonstiges:
• Daß H. G. Francis den US-amerikanischen Science Fiction-Film Formicula (1954) kannte, als er Der Angriff der Horrorameisen schrieb, dürfte außer Zweifel stehen, da ein direkter Vergleich von Film und Hörspiel ähnlich wie bei Tarantula und Im Bann der Monsterspinne zahlreiche Parallelen zu Tage fördert: erste Leichenfunde bei einem einsamen, zerstörten Haus in der Wüste (hier: New Mexico), Atombombentests als direkte Ursache für die Mutationen der nun riesigen Ameisen, die Sichtung der Monster versetzt eine Zeugin in Schockstarre, eine Figur trägt den Nachnamen Allison, der Geruch von Ameisensäure als bedeutsames Indiz, der Hochzeitsflug der Ameisen als verhängnisvolles Ereignis, der sich verändernde Klang verletzter Ameisen und schließlich das Ausräuchern der in ihrem Schlupfwinkel zusammengetriebenen Brut mittels Flammenwerfern und Bomben, ähnlich dem Benzin im Hörspiel. Formicula wurde Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre im Fernsehen gezeigt, zum einen am 18. Januar 1977 und am 29. Juli 1978 in der ARD, später oder früher auch zusätzlich in dem einen oder anderen dritten Programm (20. Juni 1979: Hessen III / 22. April 1980: Südwest III), so daß eine Ausstrahlung im gemeinsamen Dritten Fernsehprogramm von NDR, Radio Bremen und Sender Freies Berlin ebenfalls möglich wäre.

Der Angriff der Horrorameisen folgte dem abgegriffenen Titel-Klischee von Horrorfilmen, das nicht nur Streifen wie Angriff der Riesenkralle (1957), Angriff der Riesenspinne (1975) und In der Gewalt der Riesenameisen (1977) hervorgebracht hatte, sondern das bereits 1977 in Angriff der Killertomaten parodiert worden war.

• Innerhalb der Groschenheftreihe Vampir-Horror-Roman, für die H. G. Francis 1974/1975 selbst ein halbes Dutzend Geschichten beigesteuert hatte, erschien im Jahre 1977 Überfall der Ameisen (Nr. 192) von John P. Vanda (Manfred Böckl); 1979 folgte Die Ameisen kommen! (Nr. 341) von Lindsay West (bei der US-amerikanischen Vorlage Empire Of The Ants handelte es sich offenbar um ein Buch zum gleichnamigen Film). Am 10. April 1979 erschien mit Heft 40 in der noch jungen Serie Geisterjäger John Sinclair der von Jason Dark geschriebene Roman Die Ameisen greifen an.

   
Serienproduktion im Hörspiel-Labor:
• Vieles wurde im Tonstudio EUROPA zeitgleich zu Der Angriff der Horrorameisen produziert. Interessante Parallelen zeigen sich in diesen Hörspielen:
Gruselserie (3): Dracula, König der Vampire
Gruselserie (6): Das Duell mit dem Vampir
Gruselserie (7): Die Begegnung mit der Mörder-Mumie
Gruselserie (8): Gräfin Dracula, Tochter des Bösen
Gruselserie (9): Im Bann der Monsterspinne
Gruselserie (10): Draculas Insel, Kerker des Grauens
Die drei ??? (13): ... und der lachende Schatten
Trixie Belden (6): ... und das Geheimnis in Arizona
Rätsel (6): Rätsel um den tiefen Keller

• Es ist anzunehmen, daß Der Angriff der Horrorameisen über einen vergleichsweise längeren Zeitraum hinweg produziert worden ist: ein Großteil des Hörspiels entstand definitiv parallel zu Das Duell mit dem Vampir, denn Cordula Hubrich und Joachim Wolff treiben in Dustville und im Parador ihr Unwesen; auch die orchestrale Kulisse klingt in der Wüste ganz ähnlich wie in Carmona. Als Cordula Hubrich allem Anschein nach bei ihrem zweiten und zugleich letzten Besuch im Tonstudio EUROPA gleich fünf verschiedene Rollen für ebenso viele Hörspiele einsprach und außer Trixie Belden und das Geheimnis in Arizona, Rätsel um den tiefen Keller und den beiden gruseligen Geschichten auch eine Die drei ???-Folge auf dem Studiotisch lag, war ihre mit verstellter, höherer Stimme abgelieferte Miss Sanchez nur wenige Minuten von Dr. Doris Barn und Señorita Alvarez entfernt. In einer zweiten, offensichtlich späteren Produktionsphase kam neben neuer Musik von Carsten Bohn dann noch Günther Ungeheuer als (neuer?) Erzähler hinzu.

   
Schloßchronik Zur Chronologie:
• Hand- und bißfeste Belege sind bislang Mangelware, aber Der Angriff der Horrorameisen und Das Duell mit dem Vampir müssen zu einer Zeit entstanden sein, als von einem Konzept der Gruselserie noch gar keine Rede war. Möglicherweise hat H. G. Francis beide Geschichten direkt im Anschluß an Dracula trifft Frankenstein (1979) erdacht und nach dem erprobten Muster eines Einzelhörspiels verfaßt; sehr wahrscheinlich fanden auch die meisten Dialogaufnahmen statt, bevor überhaupt die Idee aufkam, es im Gruselgenre mit einer Reihe zu versuchen.

Der Angriff der Horrorameisen ist eines der wenigen Hörspiele, in denen ein konkretes Datum genannt wird - die Handlung spielt an einem 1. April. Welch seltsamer Zufall, daß die erste Staffel der Gruselserie mit diesem Hörspiel Anfang April 1981 erschien! Aber das werden weder H. G. Francis, noch Wolfgang Völz im Sinn gehabt haben. Gleichwohl könnte dieser kleine Gag als eine Art Zeitstempel zu lesen sein: handelte es sich hier um eine Improvisation bei den Sprachaufnahmen an einem 1. April? Oder aber schrieb H. G. Francis das Skript um einen 1. April herum? 1979 wäre hierfür allemal wahrscheinlicher als 1980.

• Die Gruselserie nahm bereits 1980 Gestalt an. Neben den vier ersten Folgen (die vielleicht allesamt als Neuauflagen vorgesehen waren, bis man sich gegen ein Recycling von Dracula - Die Geschichte des berühmten Vampirs entschied und den Stoker-Stoff neu vertonte?) wurden auch die Folgen 5 und 6 schon frühzeitig im Jahr 1980 geplant. Ein glasklares Indiz dafür ist auf allen Tonträgern sichtbar: die Bestellnummern von Folge 1-6 bilden einen eigenen Block für sich. Ordnet man die Bestellnummern aller EUROPA-Hörspiele in ihrer eigentlichen Reihenfolge, so befinden sich die sechs ersten Folgen mit 115 674.8 bis 115 679.9 unmittelbar vor den sieben Hörspielen der Serie Mein Freund Winnetou (115 680.2 bis 115 686.1), die 1980 erschien - darauf folgen wiederum von 115 688.8 bis 115 691.8 die Bestellnummern der Folge 7-10, danach dann der Mein Freund von Winnetou-Soundtrack und die Folge 9 der Commander Perkins-Serie. Das erste halbe Dutzend der neuen Gruselserie inkl. Folge 5 und 6 (in der Petersen-Urfassung!) hatte also einen zeitlichen Vorsprung vor den anderen vier Hörspielen und könnte bereits 1980 fertig produziert worden sein.

• Es darf als nahezu gesichert gelten, daß Der Angriff der Horrorameisen und die erste Fassung von Das Duell mit dem Vampir spätestens Anfang 1980 eingesprochen worden sind. Cordula Hubrich und Joachim Wolff sind für beide Hörspiele gebucht worden - doch während Wolff in dieser Zeit recht häufig bei EUROPA zum Einsatz kam, war Cordula Hubrich in der Agnesstraße überaus selten zu Gast. Nach ihrem Debüt anno 1977 mit drei Rollen in Lanzelot 2, Schatzsuche im Atlantik und Molle wird Fotomodell tauchte sie nach längerer Pause nur noch ein einziges Mal in Heikedine Körtings Tonstudio auf: in den Jahren 1980 und 1981 erschienen fünf Hörspiele, an denen Cordula Hubrich mitgewirkt hat, sicherlich in einem Rutsch. Da sie neben Trixie Belden und das Geheimnis in Arizona und Rätsel um den tiefen Keller auch in Die drei ??? und der lachende Schatten mitsprach (ihr Pseudonym "Marlene Lindner" für Miss Sanchez wurde mit tatkräftiger Unterstützung der Hörspielforscher im Bobcast zu Die drei ??? und der rasende Löwe enttarnt) und der Veröffentlichungstermin der zweiten Die drei ???-Staffel (Folge 10-15) mit dem 1. März 1980 feststeht, sind Hubrichs Aufnahmen für Dr. Doris Barn in Der Angriff der Horrorameisen und Señorita Alvarez in Das Duell mit dem Vampir spätestens für die ersten beiden Monate des Jahres 1980 anzusetzen.

• Auch in der Musik sind Übereinstimmungen in Folge 5 und 6 unverkennbar: in beiden Hörspielen sorgt das orchestrale Stück Nacht des Werwolfs für gruselige Stimmung und treibt die Spannung voran: siebenmal in Das Duell mit dem Vampir sowie sage und schreibe dreizehnmal in Der Angriff der Horrorameisen. Hier wie dort besteht Nacht des Werwolfs jedoch lediglich aus einer kurzen Sequenz: es ist immer dieselbe Partie im vierten Fünftel des eigentlich zweieinhalbminütigen Stücks. Sie beginnt mit den vier absteigenden Flöten-Noten und kehrt nach nur 24 Sekunden zum Anfang zurück - auf ziemlich brachiale Weise: mitten in der absteigenden, aus sechs Tönen bestehenden Bläser-Figur erfolgt nach drei Bläser-Tönen die Rückkehr zu den vier absteigenden Flöten-Noten. Offenbar wurde Nacht des Werwolfs auf einem kurzen Endlos-Band so zurechtgeschnitten, daß der Auszug als Loop durchlaufen konnte; zugleich gab man sich jedoch Mühe, den holprigen Schnitt nicht allzu prominent in den Vordergrund zu stellen. Er ist nichtsdestotrotz zu hören: zum einen in Das Duell mit dem Vampir gegen Ende der ersten Seite in der Gruft, wenn Tom Fawley "Wo ist die überhaupt?" fragt und "Señorita?" ruft; zum anderen schimmert der Schnitt auch in Der Angriff der Horrorameisen durch, nachdem Doris Barn Harry Marlows Frage "Sind Sie sicher, daß Sie das wollen?" mit "Absolut!" beantwortet hat und die Musik auf den Schnitt zusteuert: die Flötentöne vom Anfang des Loops sind noch zu erkennen, auch wenn Carsten Bohns Guitarrero Come Down (Part 1) darüber hinweg schrammelt. Hat zum Zeitpunkt der Abmischung von Folge 5 und 6 vorerst nur diese knapp vierundzwanzigsekündige Partie aus Nacht des Werwolfs zur Verfügung gestanden? Dieser Gedanke erscheint abwegig. Man fand wohl einfach Gefallen an dem Part, in dem die Klangwelle des Orchesters langsam anschwillt, und separierte diese Passage auf einer Tonbandschleife, um sie in Momenten wachsender Bedrohung schnell einspielen zu können.

• In Der Angriff der Horrorameisen ertönt Nacht des Werwolfs fast immer gemeinsam mit der stark verlangsamten Bass-Abmischung von Frankenstein & Dracula (Teil 2) als Erkennnungsmelodie der sich nähernden Ameisen. Zusätzlich wurde Nacht des Werwolfs aber auch am Ende von vier Szenen plaziert, wo diese Musik zunächst zur nächsten Szene hinüberzuführen scheint, dann jedoch von einer unvermittelt einsetzenden Melodie Carsten Bohns abgelöst wird, welche stattdessen die Funktion der Szenenblende übernimmt. Daß Musiken von anderen Musiken abgewürgt und überdeckt werden, kennen wir eigentlich nur von Überarbeitungen in späteren Neuausgaben, bei denen man die alte, lästig gewordene Musik nicht im Masterband entfernen konnte oder wollte. Hier drängt sich zwangsläufig der Eindruck auf, als sei Der Angriff der Horrorameisen ähnlich wie Das Duell mit dem Vampir bis zu einem gewissen Grad oder gar komplett fertiggestellt gewesen, als man doch noch einmal Überarbeitungen vornahm. Stellte sich etwa mit einigem Abstand heraus, daß man es in Der Angriff der Horrorameisen mit der inflationären Verwendung von Nacht des Werwolfs übertrieben hatte und daß der auf dem Endlos-Band zusammengeflickte Auszug als Szenenblende nicht wirklich taugte? Kam deshalb Carsten Bohns neue Musik gerade recht, um das Hörspiel aufzupeppen? Völlig ausgeschlossen ist das nicht, doch die bekannten Daten sprechen eher dagegen, denn die von Carsten Bohn eingespielten Stücke müßten im Tonstudio EUROPA vor Nacht des Werwolfs zur Verfügung gestanden haben. Während Bohn Eva's Decision (Part 1), Guitarrero Come Down (Part 1) und die anderen Tracks vom 7. bis zum 9. April 1980 in Berlin aufnahm, datiert Nacht des Werwolfs höchstwahrscheinlich erst vom Juli 1980. Nacht des Werwolfs wurde vom London Philharmonic Orchestra aufgenommen und da dieses Orchester ein Session Diary führte, dessen Inhalt wiederum bekannt ist, sind theoretisch sämtliche Aufnahmen Tag für Tag dokumentiert. Leider sind die für Miller International vorgenommenen Einspielungen nirgendwo zweifelsfrei zuzuordnen, sie wurden eher vage als Gebrauchsmusik eingetragen und vor allem in späteren Jahren fehlen sie im Session Diary eben doch gänzlich; allenfalls zwei Termine - der 16. Juli 1979 ("light music session - tracking") und der 21. Juli 1980 ("tracking") - scheinen festzustehen. Während im Juli 1979 allem Anschein nach jene Orchesterstücke aufgenommen wurden, die beispielsweise die ersten Die drei ???-Hörspiele bereicherten, so wäre dies für Nacht des Werwolfs zu früh, also müßten Nacht des Werwolfs, Die Monstermumie, Nacht der Nebel und andere Stücke im Juli 1980 entstanden sein - was wiederum nahelegt, daß unmittelbar vorher in Quickborn die Produktion einer Gruselserie grünes Licht erhalten hatte. Kurzum: auch wenn die Dialoge für Der Angriff der Horrorameisen bereits Anfang 1980 aufgenommen wurden, so fanden die eigentliche Vertonung und die Abmischung u.a. mit Nacht des Werwolfs erst in der zweiten Jahreshälfte statt; allzu viel scheint man da nicht mehr nachträglich korrigiert zu haben - vielleicht mit einer Ausnahme.

• Es ist eine reine Hypothese, die durch keinerlei Indizien zu unterfüttern ist, doch bei Der Angriff der Horrorameisen und Das Duell mit dem Vampir spricht nichts gegen die Annahme, daß zunächst Karl Walter Diess durch diese beiden Geschichten führte, als sie noch Einzelhörspiele werden sollten. Schließlich hatte sich Diess gerade eben erst in Dracula trifft Frankenstein (und in Jules Vernes Die Kinder des Käpt'n Grant) als Erzähler bewährt; in dieser Funktion war er auch in den Commander Perkins-Folgen 7-9 zu hören. Als Erzähler neuer gruseliger Hörspiele war er 1979 oder 1980 eigentlich die erste Wahl. Und so wie sich Cordula Hubrich parallel zu Der Angriff der Horrorameisen und Das Duell mit dem Vampir in einem Die drei ???-Hörspiel der zweiten Staffel in Miss Sanchez verwandelte, so hätte Karl Walter Diess nach Prof. Yarborough und Mr. Eastland (Die drei ??? und die flüsternde Mumie und Die drei ??? und der rasende Löwe) die Geschehnisse in Dustville und in Carmona erzählend begleiten können. Womöglich hat er das auch getan. Nachweisen läßt sich das im Hörspiel selbst nirgendwo - aber etwas anderes fällt bei Karl Walter Diess auf: nach kontinuierlichen Einsätzen 1978, 1979 und 1980 klafft in seiner EUROPA-Vita auf einmal eine kurze Lücke bis 1982: 1981 erschien kein einziges Hörspiel mit ihm. Stand er, als sich etwa im Herbst 1980 die einzelnen Gruselhörspiele zur Gruselserie entwickelten und innerhalb weniger Monate gleich vier weitere Folgen zu produzieren waren, für deren neue Erzählertexte schlichtweg nicht zur Verfügung? War deshalb ein neuer Erzähler vonnöten, so daß man den Ich-Erzähler Jonathan Harker am Tag seiner Aufnahmen zu Dracula, König der Vampire vom Fleck weg engagierte? Wurde Karl Walter Diess in den beiden älteren und fertigen, aber noch nicht veröffentlichten Hörspielen kurzerhand ausradiert, um Günther Ungeheuer mehr Kontinuität bzw. Raum zu geben und um Der Angriff der Horrorameisen und Das Duell mit dem Vampir in die nun gestartete Gruselserie besser einzufügen? Liegt hier der Hund begraben?

   
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© Die Gruselseiten (23. Dezember 2025)